Cocos 2010

Insel Cocos, Costa Rica 2010 – von Renate Falk

Die Insel Cocos ist die Schatzinsel in Louis Stevenson’s weltberühmten Roman und als solche kann sie auch auf eine lange Geschichte zurückblicken. 360 Seemeilen vom Festland entfernt, abseits der üblichen Schifffahrtsrouten, bedeckt mit dichtem Urwald, zahlreichen Wasserfällen und guten Ankerbuchten zwischen den Steilwänden war sie mehrere Jahrhunderte lang ein ideales Versteck für eine ganze Reihe berüchtigter Piraten. Und es ist historisch verbürgt, dass diese dort einen Großteil ihrer Beute, u. a. den Schatz von Lima, verborgen haben. Alle Expeditionen seit dem Ende des 17. Jahrhunderts diese Schätze aufzuspüren sind bis heute erfolglos geblieben, da es kaum Aufzeichnungen gibt und die steilen Felshänge und Klippen mit undurchdringlichem Dschungel bedeckt sind. Der einzige erhaltene Lageplan stammt von Mary Welsh, der Lebensgefährtin von Captain Bennet Graham, der an der Schlacht von Trafalgar noch als englischer Offizier teilgenommen hatte, später aber zu einem berüchtigten Piraten an den südamerikanischen Küsten wurde, bis ihm eine Strafexpedition ein Ende setzte. Während Captain Bennet am Galgen endete, wurde Mary Welsh für 20 Jahre ins Straflager nach Tasmanien verdammt. Danach wanderte sie in die USA aus, um als alte Frau von 80 Jahren noch eine Schatzexpedition zu organisieren, denn sie hatte über Jahrzehnte hinweg einen Lageplan auf einem Stück Leder gerettet. Ausgangspunkt der Schatzroute im Dschungel war ein riesiger Cedar-Baum am Küstensaum, ohne den es keine Orientierung gab. Als die greise Piratenbraut Ende des 19.Jahrhunderts mit den Schatzsuchern auf Cocos eintraf, war dieser Baumriese allerdings verschwunden – Walfänger hatten ihn, wie andere Urwaldbäume direkt am Wasser auch, gefällt und zu Brennholz für ihre Trankessel verarbeitet. Mary Welsh starb als mittellose Frau in Virginia.

Heute ist jegliche Schatzsuche auf der Insel – die inzwischen zum Weltnaturerbe gehört – verboten. 2 Ranger-Stationen überwachen die Küsten bzw. die 12-Meilen-Zone um die Insel herum. Die Ranger sind überwiegend auf der Suche nach „Piratenfischern“, die innerhalb des Schutzgebietes Jagd auf Haie machen. Denn Cocos liegt an der Straße der Haie im Ostpazifik, die vom Galapagos-Archipel über Cocos bis nach Malpelo Island vor Panama führt und immer noch für riesige Hammerhaischulen bekannt ist.

Nur 4 Tauchschiffe insgesamt dürfen das Schutzgebiet anlaufen. Dafür erwarten die Taucher, die die lange Reise auf sich genommen haben, immer noch Erlebnisse der besonderen Art: Die z. T. starken Strömungen aus der Tiefsee bringen nicht nur große Fischschwärme heran, von denen Tausende von Seevögeln leben, sondern eben auch die großen Raubfische, u. a. die verschiedensten Haiarten. Ganze Schulen von Hammerhaien finden sich an den Putzerstationen ein, um sich von Parasiten befreien zu lassen, Thunfischschwärme umrunden die Felsriffe und ganze Gruppen großer Adlerrochen segeln gemächlich vorbei. Nicht nur wegen des Naturschutzes fordern die Guides Gruppendisziplin von den Tauchern ein: Mehrere kapitale Tigerhaie patrouillieren seit einiger Zeit um die Insel und tatsächlich lässt die Begegnung mit diesem gefährlichen Räuber den Puls schon höher schlagen.

Besonders sind auch die Nachttauchgänge in den Korallengärten der Insel, bei denen Dutzende von Weißspitzenriffhaien sich versammeln um Friedfische zu jagen, die sich zwischen den Korallenstöcken verborgen haben.

Mit etwas Glück begegnet man vor Cocos auch zwei Giganten der Meere, Walhaien und Buckelwalen, wobei der Gesang der Buckelwale schon ein Erlebnis für sich ist. Der Abschied von diesem einmaligen Naturreservat fällt schwer und die Begegnung mit großen, modernen Fabrikfangschiffen auf der Überfahrt zurück zum Festland zeigt, dass die eigentliche Gefahr für das Weltnaturerbe „Straße der Haie“ außerhalb der Schutzgebiete liegt.

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